Es gibt heute keinen Unterschied mehr zwischen Mitte-Links und Mitte-Rechts. Österreich ist da ein gutes Beispiel. Die bekannten Soziologen Anthony Giddens und Ulrich Beck meinten, das sei ein Fortschritt, die Demokratie werde reifer, wir müssen links und rechts überwinden. Dieser Meinung bin ich nicht. Konsens gefährdet die Demokratie. Wenn es keinen Unterschied mehr zwischen rechts und links gibt, fragen sich die Menschen, warum sie überhaupt wählen sollen. Dazu passt ein Slogan der spanischen Linkspartei Podemos: Wir haben eine Wahlstimme, aber keine Stimme.

[…]

Meine Verteidigung des Linkspopulismus hat viel mit meiner Theorie zu tun, dazu muss ich etwas ausholen. Die Frage ist, wie man Politik versteht. Es gibt in der politischen Theorie zwei Ansätze. Einmal den assoziativen Ansatz, bei dem man davon ausgeht, dass Politik ein gemeinsames Projekt ist, bei dem man an Lösungen arbeitet, mit denen alle zufrieden sind. Beim dissoziativen Ansatz geht man aber davon aus, dass Politik immer von Konflikten bestimmt wird. Mein verstorbener Mann Ernesto Laclau und ich vertreten diese Sicht. Politischer Konflikt ist immer antagonistisch, Politik ist immer parteiisch – und die Gesellschaft ist und bleibt gespalten. Politische Identitäten sind immer kollektive Identitäten. Es gibt also immer ein “Wir” und ein “die Anderen”.

Chantal Mouffe (Wiener Zeitung)

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